| Die
Künstlerin Bernadette Keller
Von
Michael Seyl
Nicht jeder, der einen Stift oder einen
Pinsel zur Hand nimmt, hat den Anspruch "große Kunst" zu machen.
Die künstlerische Betätigung kann auch dazu dienen, Grundgesetzlichkeiten
des Lebens zu erfahren und sich selbst besser kennenzulernen. Daß
man auch auf diesem Wege zu gültigen künstlerischen Aussagen
gelangen kann, steht außer Frage. Die junge Künstlerin Bernadette
Keller hat diesen Weg eingeschlagen.
Bernadette Keller wurde im Jahre 1972
in Kusel geboren. Sie ist in Oberalben aufgewachsen. Sie lebt im saarländischen
Neunkirchen. Als Schülerin der Waldorfschule in Bexbach sind ihr die
verschiedensten künstlerischen Ausdrucksmittel von Kindheit an vertraut.
Sie ist Absolventin der Goetheanistischen Studienstätte in Wien.
Auf dem Gebiet der Bildenden Kunst beschäftigt
sie sich in erster Linie mit Malerei und Grafik. Ob in dramatischen Hell-Dunkel-Zeichnungen
oder in leuchtenden Aquarellen: Ein von Bernadette Keller immer wieder
bearbeitetes Thema ist Goethes Begriff der Metamorphose. Der Terminus stammt
aus dem Bereich der Biologie und steht ganz allgemein für "Umgestaltung,
Verwandlung". Im Sinne Goethes bezeichnet der Ausdruck "Metamorphose" ein
organisches Wandlungsprinzip, welches Gegensätze in der Steigerung
vereint. Für Goethe ist die Metamorphose ein Urphänomen, das
sich überall dort, wo Lebensprozesse ablaufen, beobachten läßt.
Bernadette Keller hat sich zum Beispiel
in dem Aquarell "Werden - Vergehen" mit diesem elementaren Prozeß
beschäftigt: Kleinere und größere Formen bewegen sich in
zwei Kreisen um ein Zentrum. Im kleineren Kreis ist eine Form in verschiedenen
Entwicklungszuständen dargestellt. Zu sehen ist eine geschlossene
und mehrere sich spiralförmig öffnende und schließende
Formen. Die Spirale verweist auf eine zyklische Bewegung beziehungsweise
Entwicklung. Die Formen deuten auf verschiedene Lebensstadien hin, die
jeder Mensch von der Geburt bis zum Tod durchläuft. Die äußeren
Formen sind auf die von außen wirkenden Einflüsse bezogen. Das
Bild ist in leuchtenden Farben gemalt. Dabei sind die Farben nach ihren
erfahrbaren Qualitäten eingesetzt. So wird zum Beispiel der obere
Bereich des Bildes durch ein sonnenhelles Gelb dominiert, eine energiereiche
Farbe, die nach außen strahlt, und somit auf den Höhepunkt des
Lebens hindeutet. Im Gegensatz dazu sind andere Bildteile in Violett gemalt:
Violett strahlt mehr nach innen und wirkt umhüllend.
Das Beispiel macht deutlich, worum es
Bernadette Keller geht: Sie möchte mit ihrer Kunst Lebenszusammenhänge
deutlich machen. Dabei ist ihr Blick offen auch für die Dinge, die
außerhalb der sichtbaren Wirklichkeit liegen.
Aus: "Bildende Kunst im
Raum Kusel", Druckerei und Verlag Koch, Kusel 1994, S. 44f. (überarbeitete
Fassung) |