| Themen
zwischen Tod, Liebe und Erotik
Von
Michael Seyl
In einer vage angedeuteten Landschaft steht
ein Fuß. Mächtig und bestimmend tritt er aus nächtlichem
Dunkel hervor. Der Fuß, ein Pars pro toto, steht an Stelle eines
Selbstporträts der in Kusel lebenden Künstlerin Sieglinde Schuhmann-Böhm.
Die neben dem Fuß das Bild vertikal durchkreuzende Linie ruft Assoziationen
an einen Lebensweg hervor. Die Linie steigt auf, verdickt sich, reißt
ab, beginnt von neuem und verweist durch ihre Unregelmäßigkeit
auf die Unwägbarkeiten des menschlichen Lebens und Daseins.
Der Lebensweg von Sieglinde Schuhmann-Böhm
ist durch Brüche der verschiedensten Art und damit in Verbindung stehenden
Neuanfängen gekennzeichnet. Ein entscheidender Einschnitt ist 1981
zu verzeichnen, als die 1943 in Schlesien geborene Künstlerin aus
der ehemaligen DDR in den Westen Deutschlands übersiedelte. Davor
studierte sie nach einer Ausbildung als Schneiderin und Modedesignerin
Malerei und Grafik an der Kunsthochschule in Berlin. Seit 1983 lebt sie
in Kusel.
Das anfangs beschriebene großformatige
Bild "Der Weg" ist 1991 entstanden und als eine Art Standortbestimmung
zu verstehen. Nach einer Phase des Suchens scheint die Künstlerin
wieder auf festem Boden zu stehen. Eine bestimmte Richtung ist eingeschlagen,
ein Neuanfang gemacht. Darauf deutet auch der in den goldfarbenen Fuß
gemalte, strahlend leuchtende Neumond, ein Symbol für Werden, Geburt
und Wachstum. Die Künstlerin hat dieses Thema auch in einer "Phönix-Serie"
aufgearbeitet. In mehreren Bildern verweist der aus Asche beziehungsweise
aus Flammen aufsteigende, abstrahiert dargestellte Vogel auf das sich durch
den Tod erneuernde Leben.
Diese Bilder sind programmatisch für
die Arbeiten der letzten Jahre, in denen sich Sieglinde Schuhmann-Böhm
in großformatigen, zum Teil wandfüllenden Bildern und Installationen
mit der Bewußtwerdung und Reflektion des Lebens auseinandersetzt.
Dabei spielt das Thema Tod eine hervorragende Rolle. So hat sie in dem
Gemälde "Totenbett" Totenköpfe, die auf die verschiedenen Stationen
des Lebens hinweisen, auf einem Sarkophag nebeneinander angeordnet. Vor
dem Steinsarg sind Fußspuren zu sehen. Die Botschaft ist ebenso klar
wie bedrückend: Jeder wird selbst einmal mit dem eigenen Tod konfrontiert.
Die Bilder der Künstlerin können als Mahnung verstanden werden,
sich im Leben mit dem in unserer Gesellschaft an den Rand gedrängten
Thema Tod zu befassen.
Die Bilder sind meist aus einem spannungsreichen
Hell-Dunkel-Kontrast entwikelt. Daneben verwendet sie vermittelnde Grün-,
Braun- und Grautöne. Bewußt setzt sie Goldfarbe und Blau ein,
die auf das, was nach dem Tod sein könnte, hindeuten: auf einen Zustand
der Geistigkeit. Und die nicht selten eingesetzte Farbe Rot steht für
das, was das Leben so schön macht: Liebe und Erotik.
Sieglinde Schuhmann-Böhm verbindet
die Themen Eros und Tod zum Beispiel in einem Schuh-Stilleben. Auf einer
dunklen Bühne fällt das Licht auf einen roten und einen weißen
Schuh, ein Paar zertanzte Ballettschuhe, die sie in Kreuzform anordnet.
Dabei ist ihr eine eindrucksvolle Reduktion des aus mittelalterlichen Totentanzdarstellungen
abgeleiteten Motivs des zu Ende gehenden Tanzes gelungen, der das irdische
Sein des Menschen als ein Durchtanzen von Raum und Zeit auf sein Ende hin
beschreibt. Was bleibt, ist das "Prinzip Hoffnung" - von Sieglinde Schuhmann-Böhm
angedeutet in der Farbe Rot.
Aus: "Bildende Kunst im
Raum Kusel", Druckerei und Verlag Koch, Kusel 1994, S. 14f.
Der Weg
Acryl, 138,5cm x 115cm, 1991
Verantwortlich für den
Inhalt: Michael Seyl
zurück zur
Künstlerübersicht
|