Lothar Emrich

Godelhausen


 
Der Künstler Lothar Emrich

Von Michael Seyl

Mitten in Godelhausen fällt eine rätselhafte Gartengestaltung ins Auge. Zwischen Blumen und Sträuchern heben sich eigenartige Gebilde hervor, die wegen ihrer Größe und Farbenpracht zunächst an Pflanzen subtropischen Ursprungs erinnern. Diese geheimnisvollen Gewächse stammen aus dem Gedanken-Treibhaus des Künstlers Lothar Emrich.
Der Vergleich mit der Pflanzenwelt ist naheliegend, da die zum Teil mannshohen, buntbebilderten Stelen in jahrelanger Fleißarbeit regelrecht gewachsen sind. Lothar Emrich hat sie in zwei Kreisen um ein gemeinsames Zentrum herum angeordnet, das durch eine Stele ausgefüllt wird, die alle anderen überragt. Die Stelen sind aus unzähligen Tafeln zusammengebaut, auf denen Zeichen und Bilder zu sehen sind, die aus den verschiedensten Epochen stammen und auf alle Handlungsbereiche der menschlichen Gesellschaft wie Religion, Kunst, Wissenschaft, Erziehung und Politik bezogen sind. Dahinter steckt die Idee eines universalen Weltbildes. Neben dieser abgeschlossenen Monumentalplastik, die infolge der Aufgabenstellung einen fragmentarischen Charakter haben muß, arbeitet Lothar Emrich an einem neuen Projekt. Hier entsteht eine mit einem Tonnengewölbe überdachte Pfeilerreihe, die an den Kreuzgang einer mittelalterlichen Klosteranlage denken läßt. Mit polyhistorischem Eifer trägt er auch hier Erkenntnisse aus allen Zeitepochen und Wissensgebieten zusammen.
Die Plastiken in seinem Garten besitzen für Lothar Emrich einen eher privaten Charakter. Der Schwerpunkt seiner künstlerischen Tätigkeit liegt im Bereich der Grafik. Mit Grafiken hat sich der im Jahre 1943 in Godelhausen geborene Künstler nach einer Ausbildung am Hochschulinstitut für Kunsterziehung in Mainz jahrelang freischaffend durchgeschlagen, bevor er 1978 am Gymnasium Kusel als Kunsterzieher tätig wurde.
Lothar Emrichs Zeichnungen der 60er und 70er Jahre sind gesellschaftskritisch orientiert. Seine von Kleinfiguren wimmelnden, mit feinen Bleistiftstrichen durchgearbeiteten Blätter zeichnen sich durch ein sicheres Gefühl für geschichtliche und politisch-soziologische Zusammenhänge aus. So setzt er sich zum Beispiel in der Arbeit "Genocidium" mit diktatorischen Gesellschaftsstrukturen auseinander. In dieser Zeichnung sind Machthaber, Soldaten und Hingerichtete neben Totenköpfen und schreienden Gesichtern zu einem Szenario des Schreckens angeordnet. Hier geht es Lothar Emrich um den Identitätsverlust des Individuums in der Masse und die dadurch mögliche Steuerbarkeit des Menschen.
Der in den frühen Zeichnungen spürbare Horror vacui weicht in den 80er Jahren einer akzentuierteren Flächengestaltung. So arbeitet er beispielsweise an einer Serie von Porträts von Personen aus allen Gesellschaftsbereichen. Um das meist ins Zentrum der Bildfläche gesetzte Porträt gruppiert er Formen und Zeichen, die auf die Taten und Leistungen der dargestellten Person verweisen und einen ornamentalen Rahmen bilden. So ist zum Beispiel in der Zeichnung 'Bewegliche Lettern' das Porträt von Johannes Gutenberg zu sehen, das - abgegrenzt durch einen gezeichneten Rahmen - als Bild im Bild erscheint. In eine Gitterstruktur sind in horizontaler Flächengliederung Menschenmassen eingezeichnet, die auf den Gebrauch wie auf den Mißbrauch von Gutenbergs Erfindung verweisen.
Das Beziehungsgeflecht, das Lothar Emrich in seinen grafischen und plastischen Werken vorstellt, kann und soll auch nicht in allen Einzelheiten entworren werden. Der Künstler bietet in jedem Fall soviele Wege als möglich an. In einem Gedicht, zu dem der Schriftsteller Heinrich Kraus durch eine Zeichnung von Lothar Emrich inspiriert wurde, ist zu lesen: "Sein Wille, der Wahrheit Spuren festzuhalten, wenn auch vergeblich, bleibt ..."

Aus: Michael Seyl, Bildende Kunst im Raum Kusel, Druckerei Koch, Kusel 1994, S. 24f.


 
Werke (Auswahl)

Bewegliche Lettern
Bleistiftzeichnung


 

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