Heinrich Fernau 

Kusel


 
Abgründige Bildräume

Von Horst Schwab

Heute wird der Grafiker, Maler und Bildhauer Heinrich Fernau 80 Jahre alt. Der 1926 in Bochum geborene Künstler erhielt seine künstlerische Ausbildung in Paris, verbrachte seine Hauptschaffenszeit im Saarland, wo er in den 70er Jahren in den Röchlinger Hütten in Völklingen Großplastiken aus Stahlketten, -stäben und -platten schuf. Seine Malerei ist von grafischen Strukturen geprägt, die nie dekorativ-gefällig erscheinen, sondern in abgründige, vernetzte Bildräume entführen.

Der erst 1948 aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrte Künstler sieht sich zu ständiger Auseinandersetzung mit dem Trauma des Krieges und der menschlichen Existenzbedrohung gezwungen. Er arbeitete auch als Kunsterzieher und an dem Projekt "Kunst im Knast" mit Strafgefangenen. Nach dem Erwerb des Nanzdietschweiler Bahnhofs stand dem Künstler viele Jahre ein vielfältiges Raumangebot zur Verfügung. Im Jahr 2000 fand im Stadt- und Heimatmuseum Kusel die Fernau-Ausstellung "Botschaften aus Labyrinten und Katakomben der Zeiten" statt. Zum Sommerfest 2004 konnte der Künstler einige seiner Arbeiten im Pflegeheim Zoar, seinem jetzigen Domizil, zeigen.

Wenn er sich auch - von Alter und Krankheit geschwächt - stark auf die rein gedankliche Auseinandersetzung zurückziehen musste, bleibt es sein Anliegen, "die existenzielle Bedrohung der Menschheit zum Inhalt meiner Arbeit zu machen".

Quelle: Westricher Rundschau, 7. März 2006
 
 

Grafik

Der Aufstand
Grafik, um 1970



[...] Hier gibt es nichts schnell Überschaubares und nichts leicht Eingängiges, das nach flüchtiger Betrachtung wieder hochzufrieden wieder beiseite gelegt werden könnte, hier sind keine wohligen Farben oder einschmeichelnde Linien oder Formen vorhanden, die sich beruhigend auf unser Gemüt legen könnten - stattdessen gibt es Verwinkelungen und spiralige Formen, knallhartes Helldunkel, Kanten, Knicke, Bögen und Ecken; wie eine bis zum Rande gefüllte Partitur, wie ein Text- und Notenblatt mit zuweilen schrillen Akkorden und schwierig zu entziffernden Textpassagen liegen die Bilder vor uns, vergleichbar auch mit Theaterbühnen voll sperriger Staffagen und von fragwürdigen Akteuren belebt - es kostet einige Wahrnehmungsorientierungsarbeit, sich in dem Weltdrama, das sich vor uns abspielt, zurecht zu finden; überall drohen Abgründe oder Irrwege, hart stößt sich der Blick in den engen Räumen oder verliert sich in ziellosen Gassen. [...]

Aus: Horst Schwab, Rede zur Fernau-Ausstellung am 15. April 2000 im Stadt- und Heimatmuseum Kusel
 
 

Plastik

Der technische Mensch, um 1970
 
 
 

Heinrich Fernau bei der Arbeit
in der Völklinger Hütte, 1969




[...] Ende der 60er Jahre arbeitete Heinrich J. Fernau in einem Atelier in der heute stillgelegten Hütte Röchling in der Nähe von Völklingen. Neben motorbetriebenen kinetischen Plastiken wie der "Technischen Karikatur" sind vor allem Standplastiken aus Stahl entstanden. Der Künstler hat mit dem Schneidbrenner Formen aus Stahlplatten herausgeschnitten, die er mit Hammerschlägen bearbeitete und beispielsweise zu einem mächtigen "Flugsaurier", einem "Kampfvogel mit Reiter" oder einem "Stählernen Baum" zusammenschweißte. Aus zeschlagenen Ketten hat Heinrich J. Fernau überlebensgroße "Observer" geschmiedet. Auch hierbei handelt es sich um Bewegungsobjekte, die in Schwingung gebracht gespenstisch und bedrohlich wirken. 
Heinrich J. Fernau hat mit erheblichem Energieaufwand unheimliche Ungetüme geschaffen, die an die Bedrohung des Menschen durch seine eigenen Industrieerzeugnisse erinnern. Die Figuren sind als Akteure eines Gesamtkunstwerkes gedacht, die zu atonaler Musik und Sprechgesängen in Aktion treten sollen. Sie künden von Untergangsvisionen, wie sie der Künstler auch in Grafiken, in die er Abbildungen seiner Plastiken collageartig einarbeitet, beschreibt.

Aus: Michael Seyl, "Bildende Kunst im Raum Kusel", Druckerei und Verlag Koch, Kusel 1994, S. 28
 
 

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