| Anstoß
zum Nachdenken
Von
Michael Seyl
"Meine Bilder sind gemalte Zusammenordnungen
von inneren Bildern, die mich besitzen." Diese Aussage von Marc Chagall
kommt einem in den Sinn, wenn man die Arbeiten der in Ohmbach lebenden
Gertrud Rittmann-Fischer betrachtet. Der Schwerpunkt ihrer künstlerischen
Tätigkeit liegt im Bereich Emailtechnik.
Die Künstlerin wurde im Jahre 1922
in Irslingen bei Rottweil geboren. Schon im elterlichen Gold- und Uhrmachergeschäft
übte die Technik des Emaillierens eine bis heute ungebrochene Faszination
auf sie aus. Ihr Wissen im Bereich Email vertiefte sie unter anderem bei
der Degussa in Frankfurt und an der Zeichenakademie in Hanau. An zahlreichen
Akademien des In- und Auslandes und an den von ihr in Deidesheim und Thallichtenberg
gegründeten "Creativen Schulen" war und ist sie immer wieder als Seminarleiterin
tätig. An der Spitze mehrerer Publikationen steht ein hervorragend
ausgestattetes Sachbuch zum Thema "Gestalten mit Email". Sie wohnte lange
Zeit in Thallichtenberg und Ohmbach. Seit Mitte der 90er Jahre lebt sie
in der Abtei Himmerod in der Eifel, wo sie ein Email-Museum ins Leben gerufen
hat.
Ausgangspunkt für Gertrude Rittmann-Fischers
Bildgestaltungen sind die Seele bewegende Ereignisse. Diese bringt sie
bevorzugt in Mandalas ein. Hierbei handelt es sich um kreisförmige,
meditative "Textbilder". So erzählt sie zum Beispiel in den Emailbildern
"Mädchenbaum", "Siebensonnenbaum" oder "Weltbaum" private wie allgemeinmenschliche
"Geschichten". Die Werke der Künstlerin sind aus verschiedenen Symbolen
zusammengesetzt. Die Farben-, Formen-, Zahlen-, Tier- und Pflanzensymbolik
stammen aus anthroposophischem und christlichem Gedankengut. Die zuweilen
kaleidoskopartigen Zusammenstellungen ermöglichen immer mehrere Lesarten.
Als Beispiel läßt sich die Arbeit "Afrikanischer Frühling"
anführen: Ein erblühender Baum durchbricht eine ihn umschlingende
Barriere. Einerseits wird hier Allgemeinmenschliches thematisiert: Geburt
und Wachstum. Andererseits kann das Bild als Sinnbild für die Befreiung
der Schwarzen aus den Fesseln der Apartheid gedeutet werden. An diesem
Beispiel kann man ein zentrales Anliegen von Gertrud Rittmann-Fischer erkennen:
Sie möchte Anstöße zum Nachdenken über die Probleme
des aktuellen Zeitgeschehens liefern.
Gertrud Rittmann-Fischer schreibt im Vorwort
zu "Gestalten mit Email": "Greifen sie also nach Werkzeug und Material
(...)! Unsere Zeit braucht kreative Menschen." Und so scheint ihr die Förderung
von Kunst und Kreativität beinahe wichtiger zu sein als die eigene
künstlerische Arbeit. Eine wichtige Funktion hat dabei der CKI. (Creativkreis
International), der von ihr seit 1966 aufgebaut und im Jahre 1979 in Deidesheim
als Körperschaft für den internationalen Austausch von Kunst
und Handwerk ins Leben gerufen wurde. Der CKI. hat mittlerweile Mitglieder
in 24 Ländern. Das Ziel der Künstlervereinigung ist die Förderung
des friedlichen Zusammenlebens der Völker. Gertrud Rittmann-Fischer
baut dabei auf eine hervorragende Sprache, die weltweit verstanden werden
kann: auf die Sprache der Kunst.
Aus: "Bildende Kunst im
Raum Kusel", Druckerei und Verlag Koch, Kusel 1994, S. 68f. (überarbeitete
Fassung) |