| Der
Künstler Friedrich Weschmitt
Von
Michael Seyl
"Genaugenommen gibt es >die Kunst< gar
nicht. Es gibt nur Künstler. Einstmals waren das Leute, die farbigen
Lehm nahmen und die rohen Umrisse eines Büffels auf eine Höhlenwand
malten. Heute kaufen sie ihre Farben und entwerfen Plakate für Fleischextrakt."
Mit diesen Worten beginnt Ernst H. Gombrich seine Geschichte der Kunst.
Dann schreibt er weiter: "Dazwischen taten sie noch so manches andere."
Die Künstler produzierten zu allen Zeiten die merkwürdigsten
Dinge und stießen nicht selten auf Unverständnis und Ablehnung.
So zeichnete Pablo Picasso "Strichmännchen", Andy Warhol pißte
auf Leinwände und Friedrich Weschmitt schlägt Löcher ins
Papier. Daß Picasso und Warhol im Gegensatz zu Weschmitt weltberühmt
sind, tut nichts zur Sache. Künstler tun das, was sie tun, und sei
es auch noch so absonderlich, weil sie es aus einer inneren Notwendigkeit
heraus tun müssen.
Der Künstler Friedrich Weschmitt
tut das, was er tun muß, mit dem Idealismus eines Spitzwegschen "Armen
Poeten", der in seiner Dachkammer frei von den Zwängen der bürgerlichen
Gesellschaft einzig und allein seine tief empfundene künstlerische
Berufung auslebt. Der im Jahre 1947 in Kusel geborene Friedrich W. Schmitt
arbeitet seit dem Ende der 60er Jahre als freischaffender Künstler.
Wenn in Kusel die Lichter verlöschen,
beginnt der Sonderling sein Nachtwerk. Er zerfetzt das Papier nicht aus
Jux und Tollerei oder gar aus Ärger darüber, daß sich seine
Bilder nicht eben leicht verkaufen. Der Faustschlag steht am Anfang eines
nächtelangen Arbeitsprozesses, an dessen Ende das Werk unter Umständen
im Papierkorb landet. Dann hat der Künstler mal wieder zuviel des
Guten getan und die am Anfang aufgebaute Spannung, die es im Gestaltungsprozeß
zu bewahren gilt, ist einer tödlichen Langeweile gewichen.
Friedrich Weschmitts Arbeitsweise ist
einer Gratwanderung vergleichbar. Nach der Initialzündung richtet
sich sein Augenmerk zunächst auf die Verletzung des Papiers. Die Stelle
wird untersucht, gegebenenfalls wird Papier entfernt und durch neues Papier
ersetzt. Dann verstärkt er mit Bleistift, Kohle oder Kreide die entstandenen
Strukturen. Friedrich Weschmitt führt gegebenenfalls verschiedene
Materialien wie Klebestreifen oder Zeitungsausschnitte in das Bild ein.
Er bewegt sich in einer Zickzack-Linie mit den Eckpunkten "Anschauen" und
"Handeln" auf die endgültige Gestaltung zu. Dabei kann es passieren,
daß ein in Gang gesetzter Handlungsprozeß wie zum Beispiel
das Einbringen einer Zahl 10 in eine Gestaltung durch die kontrollierende
Anschauung beim Einfügen der Zahl Eins ohne Hinzufügung der Null
endet, wenn der Arbeitsprozeß abgeschlossen erscheint. Scheinbare
Zufälligkeiten werden so in seinen Reißcollagen zu wesentlichen
Elementen der Gestaltung.
Friedrich Weschmitts Faustschläge
schaffen Freiräume, die meist durch Figuren ausgefüllt werden.
Diese Gestalten erinnern nur noch entfernt an die Zwerge, Kobolde und Feen
seiner "Märchenbilder", die nach seiner Ausbildung an der Werkkunstschule
in Kaiserslautern entstanden sind. Die Arbeiten dieser Zeit sind geprägt
durch den Phantastischen Realismus, von dem er sich in den 80er Jahren
lossagte. Nach und nach hat er ein "offenes Konzept" entwickelt, das es
ihm ermöglicht, alle in ihm angelegten Möglichkeiten zu einer
Einheit zusammenzuführen. Mit seinen neuen Arbeiten löst Friedrich
Weschmitt das ein, was der Dadaist Hugo Ball kurz und treffend formulierte:
"Das künstlerische Gestalten ist ein Beschwörungsprozeß
und in seiner Wirkung eine Zauberei ..."
Aus: "Bildende Kunst im
Raum Kusel", Druckerei und Verlag Koch, Kusel 1994, S. 92f. |